Karriere

Meine erste Begegnung mit Sia Siberia

Es begann an einem grauen Novembernachmittag in einem Café in Berlin-Kreuzberg. Ich hatte einen Termin mit einer jungen Frau, von der ich zuvor nur durch einige Branchenkontakte gehört hatte. Sia Siberia – der Name klang geheimnisvoll, fast wie ein Pseudonym aus einem Spionageroman. Als sie eintrat, war ich sofort von ihrer ruhigen, fast zurückhaltenden Art überrascht. Kein grelles Make-up, keine aufgesetzte Extrovertiertheit. Sie trug einen schlichten schwarzen Rollkragenpullover und eine Cordhose. Wir bestellten beide Filterkaffee, und ich begann das Gespräch mit der Frage, was sie eigentlich abseits der Kameras mache.

Ihre Anfänge und der Weg in die Branche

Sia erzählte mir, dass sie in einer Kleinstadt in Sibirien aufgewachsen sei – daher auch der Künstlername. Mit achtzehn Jahren zog sie nach Moskau, jobbte in einem Callcenter und begann parallel als Model für Erotikfotografie zu arbeiten. „Das war nie mein Traum“, sagte sie lächelnd, „aber es hat sich einfach so ergeben. Ich habe schnell gemerkt, dass ich die Kontrolle über meine Arbeit haben will.“ Nach einem Jahr wechselte sie ins Filmgeschäft, zunächst für kleinere russische Studios. Ihre Durchbruchsszene drehte sie in Prag mit einer internationalen Crew. Sie betonte immer wieder, wie wichtig ihr klare Absprachen und ein respektvolles Set seien – etwas, das sie von Anfang an eingefordert habe.

Der Umzug nach Westeuropa und neue Perspektiven

2019 entschied sie sich, nach Deutschland zu gehen. „Ich wollte weg von der unsicheren Situation in Osteuropa, auch wenn die Gagen in Deutschland anfangs niedriger waren. Dafür ist die Arbeitsumgebung hier professioneller.“ Sie ließ sich in Hamburg nieder, wo sie heute lebt. In dieser Zeit begann sie auch, eigene Szenen zu konzipieren und Regie zu führen. Ich konnte sie bei einem Dreh in einer alten Fabrikhalle in Hamburg-Altona besuchen. Sie agierte nicht nur vor der Kamera, sondern sprach auch mit dem Lighting-Team über Schattenwürfe und korrigierte die Kameraposition. „Ich will Geschichten erzählen, die echt wirken“, erklärte sie in einer Drehpause, „nicht nur mechanische Abläufe.“

Eine Begegnung abseits des Sets

Ein halbes Jahr später traf ich sie zufällig auf einer Buchmesse in Leipzig. Sie stand an einem Stand, der unabhängige Erotikliteratur präsentierte. Ich erfuhr, dass sie seit Kurzem eigene Kurzgeschichten schreibt – inspiriert von ihren Reisen und Begegnungen. Wir setzten uns auf eine Bank im Messegelände, und sie zeigte mir ein Notizbuch mit handgeschriebenen Texten. „Das ist mein Ausgleich zur Arbeit vor der Kamera. Hier kann ich ganz ich sein, ohne Erwartungen.“ Sie lachte und fügte hinzu: „Allerdings muss ich die Geschichten noch übersetzen lassen. Mein Deutsch ist okay, aber literarisch noch nicht so sicher.“

Was mich an Sia Siberia am meisten beeindruckt hat

Im Laufe unserer losen Bekanntschaft fiel mir auf, wie bewusst sie ihre Karriere gestaltet. Sie lehnt bestimmte Produktionen ab, wenn sie das Gefühl hat, dass sie nicht zu ihr passen. „Ich habe gelernt, Nein zu sagen“, sagte sie einmal. „Das klingt banal, aber in dieser Branche ist es das Schwierigste.“ Sie arbeitet mit einem kleinen Team aus festen Kameraleuten und Visagisten, die sie seit Jahren begleitet. Dieses Vertrauensverhältnis ist ihr offenbar wichtiger als kurzfristig hohe Gagen. Einmal fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könne, ganz auszusteigen. Sie zögerte kurz: „Vielleicht in fünf Jahren. Aber dann möchte ich etwas Eigenes aufbauen – vielleicht eine Plattform für Drehbuchautorinnen. Das wäre mein Traum.“

Ein persönlicher Moment beim gemeinsamen Abendessen

Zum Abschluss unserer lockeren Begegnungen lud sie mich zu einem Abendessen in ihre Wohnung ein. Sie kochte Pelmeni nach einem Rezept ihrer Großmutter, servierte dazu eingelegte Gurken und Wodka. Während wir aßen, erzählte sie von ihrer Familie, die bis heute nichts Genaueres über ihren Beruf weiß. „Sie denken, ich arbeite in der Filmproduktion – was ja auch stimmt, nur die Nische ist etwas speziell“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Es war ein ehrlicher, ungeschönter Abend, der mir gezeigt hat, dass hinter dem oft klischeehaft gezeichneten Bild einer Erwachsenendarstellerin ein kluger, nachdenklicher Mensch steckt, der seine Entscheidungen mit Bedacht trifft.